Rezensionen, Roman

Der Letzte von uns – Adélaïde de Clermont-Tonnerre

Cover Der Letzte von uns

Den Roman Der Letzte von uns von Adélaide de Clermont-Tonnerre habe ich im Rahmen einer Bloggeraktion des aufbau Verlags gelesen. Der Roman ist im Februar 2018 erschienen.

Um was geht es in diesem Roman?

In Manhattan der 70er Jahre verliebt sich Wern in Rebecca. Als Rebecca Wern ihren Eltern vorstellen will, erleidet Rebeccas Mutter Judith einen Nervenzusammenbruch. Daraufhin bricht Rebecca den Kontakt zu Wern ab und verschwindet spurlos. Wern ahnt nicht, welche schrecklichen Ereignisse, die beiden Familien verbindet.

Während einer Bombennacht in Dresden im Februar 1945 bringt die schwerverletzte Luisa ihren Sohn Werner zur Welt. Noch in derselben Nacht stirbt sie. Ihr letzter Wunsch ist es, den “Letzten von uns” ins Sicherheit zu wissen und bittet ihre Freundin Martha, sich um ihn zu kümmern.

Wie hat mir „Der Letzte von uns“ gefallen?

Die Handlung des Romans spielt parallel auf zwei Zeitebenen. Die eine Zeitebene bilden die letzten Kriegstage und die unmittelbare Nachkriegszeit in Deutschland und den USA. Die zweite Zeitebene ist Manhattan der 70er Jahre. Welche Verbindung gibt es zwischen Wern, der in New York lebt und Deutschland? Warum bricht Rebecca den Kontakt ab? Was verbindet die Familien miteinander? Was ist im Krieg passiert, das bis in die heutige Zeit nachwirkt?

Der Titel „Der Letzte von uns“ und die zwei Zeitebenen werfen jede Menge Fragen auf, auf die ich mir Antworten erwarte. Der Klappentext machte mich neugierig und ich hoffte auf ein interessantes und spannendes Buch, das sich mit dem Thema Vergangenheitsbewältigung beschäftigt. Leider wurden meine Erwartungen nur teilweise erfüllt.

Die Liebesgeschichte zwischen Wern und Rebecca so detailliert darzustellen, als wäre es ein Liebesroman, ist fehl am Platz. Weniger wäre mehr gewesen. Die Liebesgeschichte als Rahmenhandlung zu wählen, hätte vollkommen genügt. Interessant und spannend erzählt wird die Gegenwart erst im letzten Drittel, als sich Wern der Vergangenheit stellen muss.

„Der Letzte von uns“ konfrontiert den Leser mit der Frage, wie geht jemand mit seiner traumatischen Vergangenheit um? Ermöglicht der Wunsch nach Rache das Weiterleben oder zerstört er die Zukunft? Oder ist es besser, die Gerechtigkeit walten zu lassen?

Der historische Teil wird mitreißend erzählt, wobei sich Fakten und Fiktion vermischen. Der Pionier der Raumfahrt, Wernher von Braun und seine Rolle unter der nationalsozialistischen Herrschaft sind bis heute umstritten. Erst nach seinem Tod wurde seine SS-Mitgliedschaft bekannt.

Manhattan der 70er Jahre

Die Autorin lässt Werner sehr ausführlich in der Ich-Form über die Begegnung mit seiner großen Liebe Rebecca und das pulsierende Leben Manhattans der 70er Jahre erzählen. Die Liebesgeschichte ist sehr detailliert herausgearbeitet und hätte einen eigenen Liebesroman füllen können. Die Beschreibungen der Künstler- und Partyszene in Manhattan sind lebendig geschildert. Lauren, Werns jüngere Schwester, bringt als 68er-Anhängerin frischen Wind in die langatmig erzählende Liebesgeschichte.

Werner “Wern” Zilch ist ein ehrgeiziger junger Mann, der sich von Reichtum und Einfluss nicht beeindrucken lässt. Seinen Erfolg hat er aus eigener Kraft erreicht. Werner betreibt mit seinem langjährigen Freund Marcus eine erfolgreiche Baufirma. Werner wurde mit drei Jahren adoptiert und weiß nicht, woher er kommt. Er fühlt sich für sein Schicksal allein verantwortlich und glaubt an sich und seine Kraft, sich eine eigene Welt zu erschaffen. Wern hat Erfolg bei den Frauen und lässt nichts anbrennen, bis er Rebecca trifft. Durch die Trennung von Rebecca fühlt er sich jedoch verunsichert und sucht nach seinen Wurzeln.

Werners große Liebe Rebecca Lynch ist eine begabte Künstlerin aus reichem Hause. Sie ist als “kleine Prinzessin” behütet und verwöhnt aufgewachsen. Rebecca ist es gewohnt, alles zu bekommen, was sie sich wünscht. Sie verhält sich Werner gegenüber zickig. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie Werner wirklich liebt, sondern nur eine Rolle spielt. Sie wirkt auf mich kalt und herzlos. Andererseits kümmert sie sich liebevoll um ihre Mutter Judith. Ich bin mit Rebecca nicht warm geworden.

Rebeccas Mutter Judith Sokolowsky ist eine begnadete Geigerin. Sie hat während des Zweiten Weltkrieges schreckliches durchgemacht und wird damit nicht fertig. Mir ist die Figur zu schrill angelegt. Ihre Art mit der Vergangenheit umzugehen, spricht mich nicht an.

Rebeccas Vater Nathan Lynch ist ein richtiger Kotzbrocken. Seine Haltung: “Geld regiert die Welt”. Er lässt seine Macht jeden spüren, der nicht seiner Meinung ist. Er stammt aus einer alten amerikanischen Familie mit viel Einfluss und Vermögen.

Deutschland 1945

Parallel zu den Geschehnissen in New York erzählt Martha Engerer ihre bewegende Geschichte einer Flucht und eines Neuanfangs. Die Geschichte der Martha Engerer, die alles unternimmt, um Werner in Sicherheit zu bringen, ist sehr fesselnd und emotional geschrieben. In Rückblicken erzählt Martha über das Schicksal der Familie Zilch. Sie schildert ihre Flucht mit dem ein paar Tage alten Baby quer durch Deutschland und wie sie nach Amerika gekommen ist.

Die Freundinnen Martha und Luise haben die Gebrüder Zilch geheiratet. Die beiden Brüder könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Luise und der Raketenwissenschaftler Johann eine glückliche Ehe führten, war die Ehe für Martha die Hölle, bis sie ihren Mann verließ und als Krankenschwester zu arbeiten anfing. Johann Zilch wird als guter Mensch charakterisiert, der nur für seine Wissenschaft und Familie lebt und unter der Naziherrschaft leidet. Sein Bruder Kasper ist das pure Gegenteil.

Martha, selbst kinderlos, kümmert sich liebevoll um Werner und versucht, den letzten Wunsch ihrer Freundin zu erfüllen. Sie setzt alles daran, in diesen letzten Kriegstagen nach Peenemünde zu kommen, wo sie Johann Zilch vermutet. Johann hat als Ingenieur bei Wernher von Braun an der V2 Rakete mitgearbeitet.

Martha Engerer ist meine liebste Figur in diesem Roman. Sie hat mich am meisten überzeugt. Mich beeindruckt, wie Martha ihr Schicksal meistert und ihren Überzeugungen treu bleibt. Sie ist nicht verbittert, obwohl das Leben es nicht immer gut mit ihr gemeint hat.

Meine Leseempfehlung

Der Roman “Der Letzte von uns” erfüllt nicht die Erwartungen, die die Buchbeschreibungen wecken. Die Autorin versucht zwei Bücher in einem zu schreiben. Die ausführliche Liebesgeschichte von Werner und Rebecca ist fehl am Platz. Weniger wäre mehr gewesen.

Marthas bewegende Geschichte einer Flucht und eines Neuanfangs wird sehr fesselnd und lebendig erzählt. Diese Zeitebene macht das Buch für diejenigen interessant, die sich für die Geschichte der letzten Kriegstage interessieren.

Autor

Adélaïde de Clermont-Tonnerre, 1976 in Neuilly-sur-Seine geboren, ist Journalistin und Autorin. Ihr Roman »Der Letzte von uns« erhielt 2016 einen der renommiertesten Literaturpreise Frankreichs, den Grand Prix du Roman de l´Académie Française.(aufbau Verlag)

Informationen zum Buch

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Titel: Der Letzte von Uns
Autor: Adélaïde de Clermont-Tonnerre
Genre: Roman
Print-Ausgabe: 464 Seiten
Ausgaben: E-Book, gebundene Ausgabe
Verlag: Rütten & Loening
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Le Dernier des Notres
ISBN-10: 3352009082
ISBN-13: 978-3352009082