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Die Straße der Geschichtenerzähler – Kamila Shamsie

Cover Die-Straße-der-Geschichtenerzähler

Die junge Engländerin Vivian Rose Spencer darf, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914, an archäologischen Ausgrabungen in der Türkei teilnehmen. Sie lässt alle Konventionen hinter sich und macht ihre ersten Entdeckungen. Mit dem Freund ihres Vaters Tahsin Bey, der die Ausgrabungen leitet, verbindet sie die Leidenschaft zur antiken Welt und die beiden kommen sich näher. Bevor der Krieg ausbricht, muss sie zurück nach England.

Ein geheimnisvoller Brief von Tahsin Bey veranlasst sie 1915 nach Peschawar zu reisen, um ihn dort zu treffen. Im Zug lernt sie Qayyum Gul kennen, einen jungen, verwundeten Paschtunen, der aus dem Krieg zurück nach Hause fährt. Beide ahnen nicht, dass sich ihre Wege immer wieder kreuzen werden.

In Peschawar wird Vivian in die britische Gemeinde aufgenommen. Sie trifft auf Najeeb, einen wissbegierigen kleinen Jungen, den sie zu unterrichten anfängt. Sie weckt in ihm das Interesse für Geschichte Peschawars und archäologische Ausgrabungen. Vivian erhält durch Najeeb Einblicke in die Lebensweise der Paschtunen und wird unmittelbarer Zeuge der historischen Ereignisse.

Kamila Shamsie hat mit „Die Straße der Geschichtenerzähler“ einen ungewöhnlichen Roman geschrieben, der sich mit der britischen Kolonialzeit auseinander setzt. Genau genommen mit der britischen Herrschaft in „Britisch India“, dem heutigen Pakistan. Es ist eine Geschichte über Liebe und Verrat, Unterdrückung und Streben nach Freiheit.

Der Klappentext weckt jedoch andere Erwartungen an das Buch: antike Ausgrabungen, exotische Welten und die Geschichte einer großen Liebe. Dieses Buch ist jedoch alles andere, als ein romantischer Liebesroman. „Die Straße der Geschichtenerzähler“ ist für mich ein in Romanform geschriebenes Sachbuch. Das Grundgerüst sind historische Ereignisse während des Ersten Weltkrieges und das Streben der Paschtunen nach Freiheit.

Ich vermisse in diesem Buch einen Anhang mit einer Karte und geschichtlicher Zusammenfassung der Ereignisse in Pakistan. Ein Glossar mit Erklärungen fremder Ausdrücke fehlt genauso, wie eine Zeittafel. Die vorhandene Information ist zu kurz und betrifft nur die Nachlese der Ereignisse vom 23. April 1930. Ich glaube, dass die wenigsten deutschen Leser sich gut in der britischen Kolonialgeschichte auskennen. Ich musste zwischendurch immer wieder Google und Wikipedia bemühen. Mit einem Hintergrundwissen ist es leichter, das Zeitgeschehen zu verfolgen.

An den Schreibstil und die ungewöhnlichen Namen musste ich mich erst einmal gewöhnen. Die Ereignisse werden abwechselnd aus der Sicht der jungen Engländerin Vivian Rose Spencer und den Paschtunen Qayyum und Najeeb erzählt.

Die Ereignisse des 23. April werden aus der Sicht von Qayyum, Vivian und dann noch einmal aus der Sicht von Najeeb geschildert. So entsteht ein umfassenderes Bild der Geschehnisse dieses Tages. In diesem Abschnitt erzählen Zarina und Diwa ihre Geschichte, die mich sehr gefesselt hat. Schade, dass die beiden nicht schon früher zu Wort gekommen sind. Es wäre interessant die Geschehnisse und den politischen Wandel aus der Sicht muslimischer Frauen zu erfahren.

Gut gefallen hat mir das Stilmittel des Briefwechsels von 1928 bis 1930 zwischen Vivian und Najeeb, in dem es um archäologische Ausgrabungen geht und eine erneute Reise von Vivian nach Peschawar vorbereitet wird.

Die Idee die Geschichte mit Skylax im Jahr 550 v. Chr. zu beginnen und sie wieder mit Skylax im 485 v. Chr. enden lässt, gefällt mir gut.

Die Charaktere werden ausführlich dargestellt, sie entwickeln sich weiter und werden reifer, wobei Vivian irgendwie zu kurz kommt. Die Kapitel mit Qayyum und Najeeb, Zarina und Diwa sind viel lebendiger geschrieben als die mit Vivian.

Vivian ist in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen und durfte Archäologie studieren. Für Frauen der damaligen Zeit war ein Studium nicht selbstverständlich. Von einer Frau wurde erwartet, dass sie heiratet und ihre Pflichten erfüllt. Vivian setzt sich über alle Konventionen hinweg und lebt von Juli 1915 bis März 1916 in Peschawar, wo sie sich in einer ihr fremden Welt allein durchboxen muss. Vivian bewegt sich zwischen zwei Welten. Eine alleinstehende Frau, die ihrem Beruf nachgeht, sich für die Lebensweise der Einheimischen interessiert und ihre Sprache lernt, wird bei den konservativen Briten misstrauisch beobachtet. Die gesellschaftlichen Veränderungen durch den Ersten Weltkrieg haben sich in den britischen Kolonien nur sehr langsam durchgesetzt.

Schilderungen des Alltags beider Seiten zeigen die unterschiedlichen Denk- und Lebensweisen. Die Gegensätze der beiden Kulturen werden hier sehr deutlich.

Qayyum ist eine sehr vielschichtige Persönlichkeit. Er kämpft im Ersten Weltkrieg in der britischen Armee in Frankreich. Ausführlich beschrieben wird Qayyums Zwiespalt zwischen seiner Kultur und seinem Leben als Offizier. Qayyum versucht für sich, einen Platz im Leben zu finden.

Einen ganz anderen Lebensweg schlägt Najeeb ein. Von klein auf ist er sehr wissbegierig und durch Vivian weiß er, was er will. Er möchte Archäologe und später „Indian Assistant“ im Museum von Peschawar werden. Er verehrt Viv und beide bleiben über die Archäologie miteinander verbunden.

Das Buch hat für mich ein unbefriedigendes Ende. Ich hätte noch gerne erfahren, wie die Protagonisten die schlimmen Erlebnisse verarbeitet haben und wie es ihnen ergangen ist.

Cover

Das Cover gefällt mir ausgesprochen gut. Eine sonnendurchflutete Halle mit Mosaikfliesen vermittelt ein orientalisches Feeling und passt zu antiken Ausgrabungen. Katzen spielen in der Mythologie eine wichtige Rolle. Nachdem ich das Buch gelesen habe, würde ich sagen, dass das Cover die Ruhe vor dem Sturm signalisiert.

Empfehlung

„Die Straße der Geschichtenerzähler“ von Kamila Shamsie ist ein anspruchsvoller, bewegender Roman und keine leichte Lektüre für zwischendurch. Es ist ein außergewöhnliches Buch mit politischen Aspekten und einer überzeugenden und fesselnden Zeitgeschichte, die zum Nachdenken anregen.

Autor

Kamila Shamsie wurde 1973 in Karatschi, Pakistan, geboren und lebt in London und Karatschi. Im Berlin Verlag erschienen bisher »Kartographie« (2004), »Verbrannte Verse« (2005), »Salz und Safran« (2006) und »Verglühte Schatten« (2009). Shamsie schreibt regelmäßig für den »Guardian« und erhielt für ihr literarisches Werk zahlreiche Preise, u.a. wurde sie 2013 als »Granta Best of Young British Novelists« ausgezeichnet. (Amazon)

Informationen zum Buch

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Titel: Die Straße der Geschichtenerzähler
Autor: Kamila Shamsie
Genre: Roman
Print-Ausgabe:  384 Seiten
Ausgaben: E-Book, gebundene Ausgabe
Verlag: Berlin Verlag (30. März 2015)
Sprache: Deutsch
Originaltitel: A God in Every Stone
ISBN-10: 3827012287
ISBN-13: 978-3827012289

2 Kommentare

  1. Hallo Su,

    freut mich, dass dir mein Blog gefällt.

    „Die Straße der Geschichtenerzähler“ ist wirklich ein außergewöhnliches und ein sehr interessantes Buch. Faszinierend zu lesen, wie zwei Welten aufeinanderprallen und wie unterschiedlich damit umgegangen wird.

    Ich war gerade auf deinem Blog und habe ein Buch entdeckt, das ich vor Kurzem auch rezensiert habe.

    Viele Grüße
    Kristina

  2. Hallo Kristina,
    habe Deinen Blog gerade gefunden und schon viele interessante Artikel gefunden.
    Dich behalte ich erstmal im Auge :)

    Deine Rezi hört sich sehr interessant an. Gerade solche Bücher lese ich gerne und da ich schon viele solcher Bücher – auch vor meiner Bloggerzeit – gelesen habe und auch so mit Indien zutun habe, habe ich bei solchen Büchern auch keine Probleme, wenn mal kein Glossar im Anhang ist. Was das Geschichtliche angeht, so lass ich mich bei solchen Büchern einfach auf die Geschichte ein und nehme die dortigen Tatsachen und Handlungen hin, wie sie in der Geschichte vorkommen.

    Vielen Dank für die Rezi, das Buch kommt auf jeden Fall auf meiner WuLi.

    Liebe Grüße von der Nordsee,
    Su

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